Rückblick: Die fünfte Jahreszeit im Alleingang – Köln zwischen Fahrlässigkeit und Notwendigkeit

Ein Kommentar von Chiara Heinze, Miriam Fleischmann und Saskia Röpe


Seit November 2020 durften die Kölnerinnen einen Teil ihrer Identität – ihr Jecken-Gen – nicht ausleben. Die fünfte Jahreszeit hat in Köln Tradition. Sie ist Brauchtum. Ohne sie ist Köln nicht Köln.

Nach zwei Jahren Pandemie war es dieses Jahr so weit: Die Stadt Köln erklärte den Innenstadtbereich zur Brauchtumszone und erlaubte unter der 2G Plus-Regelung das sehnlichst herbeigewünschte Volksfest. Kneipen und Bars mussten noch ein weiteres Plus kontrollieren, sodass Geboosterte zusätzlich einen tagesaktuellen Corona-Test nachweisen mussten. Sobald dieser Schritt geschafft war, vermiesten keine Abstandsregeln und medizinische Masken mehr die angeheiterte Stimmung – denn diese Schutzmaßnahmen waren laut Verordnung nicht mehr von Nöten. Bis zu 250 Personen durften in Innenräumen zusammen „Kölsche Jung“ schmettern. In gastronomischen Betrieben herrschten clubähnliche Zustände, in Clubs die Stille. Eine sinnvolle Argumentation für die Ungleichbehandlung sucht man hier vergebens. Das Attribut still konnte man den Clubbetreiberinnen angesichts dieser Maßnahmenregelungen jedoch nicht nachsagen. Am 09. Februar 2022 veröffentlichte der KLUBKOMM e.V. eine Pressemitteilung, in der auf die weiterführende Schließung der Clublandschaft als Kulturspielstätten aufgrund eines zu hohen Infektionsgeschehens aufmerksam gemacht wurde. Der Interessensverband der Kölner Clubs und Veranstalterinnen spricht Klartext. Klartext über den Irrgarten der deutschen Coronaschutzverordnungen, für die zum Verständnis ein halbes Hochschulstudium als Voraussetzung nötig scheint. Karneval wurde genehmigt. Nicht nur aufgrund des emotionalen Wertes, auch die geschätzten 600 Millionen Euro Umsatz pro Jecken- Saison könnten dazu beigetragen haben, das Traditionsfest stattfinden zu lassen. Die ebenfalls in der Pandemie schwer getroffenen Restaurant- und Barbetreibende durften ihre Türen für selbst ernannte Ganoven, Bienen und Krümelmonster öffnen. Veranstalterinnen der Nachtszene mussten trotz ausgefuchsten Hygienekonzepten, neuen Lüftungsanlagen und Expertise in Sachen Corona- Schutzmaßnahmen die Musik auslassen. Dass auch die Schützlinge des KLUBKOMM e.V. auf die Karnevalssaison mit entsprechenden Gewinnen angewiesen waren, scheint vergessen worden zu sein. Weitere, vom Umsatz der Karnevalskultur abhängige, Betriebe sind hier noch nicht erwähnt.


Aber nicht nur in Köln herrschte Unverständnis. Warum die Karnevalshochburg bei rekordverdächtigen Infektionszahlen eine Ausnahmegenehmigung für eins der größten Volksfeste innerhalb Deutschlands erhielt, führte bei vielen Bundesbürgerinnen zu Frustration. Während in der Republik bestmöglichstes getan wurde, die Infektionszahlen niedrig zu halten, entschied sich Köln für den entgegengesetzten Weg und nahm ein vermutlich erhöhtes Infektionsgeschehen in Kauf. Schaut man sich jedoch die Stimmung und den Wunsch nach Normalität nach zwei Jahren Pandemie an, liegt eine Genehmigung des Kölner Festes nicht ganz fern. Besonders im Hinblick auf die im Kölner Raum bereits vorab getroffenen Lockerungen, die Feiern ermöglichten. Die Stadt kennt seine Bürgerinnen. Die Stadt wusste, dass die Kölnerinnen ihrer Leidenschaft nachgehen und sich in Schale werfen würden. Die Stadt sah die Feiererlaubnis unter 2G++ eher als Schadensbegrenzungsmaßnahme an. Schaden gab es dennoch. Die Infektionszahlen verdoppelten sich, beruhigten sich jedoch auch wieder einigermaßen schnell. Ob dieser Anstieg allein durch den Karneval verursacht war, darüber sind sich die Stadt als Verantwortliche und Vertreterinnen der Medizin nicht einig.

Karneval in Köln (Quelle: Yvonne Mersch)


Worüber man sich jedoch einig sein darf, ist die Absage des Rosenmontagfestes. Ursprünglich geplant im RheinenErgie-Stadion, wurde aufgrund des in der Ukraine ausbrechenden Krieges spontan umgeplant und eine Friedensdemonstration auf Kölner Innenstadtplätzen organisiert. Eine Geste der Solidarität, die wichtiger als jeder Brauchtum ist. Aus unserer Sicht als angehende Veranstalterinnen wirkt das Signal sogar noch stärker, sieht man doch den unendlichen Aufwand dahinter, ein Fest dieser Größe innerhalb von vier Tagen abzusagen und eine Friedensdemonstration zu organisieren.
Ein innerer Konflikt – das war die Entscheidung, ob der Kölner Karneval stattfinden darf oder nicht. Auch wenn die eigene Meinung aus moralischer Sicht den Karneval wahrscheinlich verboten hätte, war er für die Kölner*innen und deren Veranstaltungsbranche dringend notwendig. Doch dann bitte für die gesamte Veranstaltungsbranche, finden wir.


Autorinnen: Chiara Heinze, Miriam Fleischmann, Saskia Röpe

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